Heute ist der große Tag:
Wir
dürfen Marco aus dem Heim mit zu uns nach Hause
nehmen!
Dummerweise hat Andy es sich ganz praktisch ausgesucht, genau heute
krank zu werden. Die Nacht verbringt er mehr auf dem Klo als im
Bett. Trotz leichtem Fieber quält er sich in der Früh aus
dem Bett und ist den ganzen Tag ziemlich schwach auf den Beinen und
der Heidi leider gar keine große Hilfe.
Um Punkt 9 Uhr sind wir beim Kinderheim. Die Sozialarbeiterin
Elisabeth kommt wie immer zu spät, aber das stört uns
heute auch nicht. Marco strahlt, spielt mit Francisco und ist dann
nur etwas genervt, dass wir gar nicht mehr mit dem Unterschreiben
von Dokumenten fertig werden. Nur gut dass wir das Prozedere schon
ganz gut noch von Franciscos Adoption kennen.
Wir bekommen von der Schwester auch Marcos Impfpass und sogar
Babyfotos! Marco darf seine Lieblingspuppe und einen
Plastikschlüsselbund als Andenken an das Kinderheim
mitnehmen.
Dann fahren wir alle zusammen zum Büro der regionalen
Adoptionsstelle und dürfen dort noch mehr Papierkram erledigen
und viele Unterschriften leisten. Die Sozialarbeiterin ist zwar
schon ein bisserl chaotisch, aber auch sehr hilfsbereit und tippt
uns gleich die "Carta de Aceptación", also unsere Zusage, dass
wir Marco wirklich adoptieren wollen. Sonst hätten wir erst
eine Internet-Cabina mit Drucker suchen müssen und uns die
üblichen hochgeschraubten Formulierungen selber aus den
Fingern saugen müssen.
Da auf allen Dokumenten wieder "Heidrun Maria Kaufmann" steht,
fangen wir erneut eine Diskussion um deutsche und peruanische
Nachnamen an, aber es ist aussichtslos. Die Peruaner akzeptieren
einfach nicht, dass es in anderen Ländern andere Namensrechte
gibt als in Peru.

Konsequent sind sie dann aber auch nicht, denn sonst
müssten sie ja schreiben "Andreas Spiegl Maier" und "Heidrun
Maria Kaufmann Weh". Schuld daran ist das blöde "geb.
Kaufmann" in unseren deutschen Pässen, sonst wüssten sie
ja überhaupt nichts von Heidis Geburtsnamen. Mit dem "geb."
hatten wir schon 2000 so unsere Probleme, weil das nicht mal in
einer Fußnote oder so übersetzt oder erklärt
wird.
Aber fairerweise müssen wir dazusagen, dass sie uns
versprochen haben, alles nur irgend Mögliche zu tun, damit
Marco nicht "Spiegl Kaufmann", sondern "Spiegl Spiegl" heißt.
Das hat damals auch bei Francisco geklappt und uns in Deutschland
viel Lauferei und Ärger erspart.
Obwohl wir und die Kinder nun schon hundemüde sind,
müssen wir noch zum Standesamt in der Municipalidad, um die
"Constancias" abzuholen. Heute sind sie auch tatsächlich
fertig. Aber wir müssen ziemlich lange Schlange stehen. Die
Kids schlafen ein und Andy kann sich nur noch mit Mühe auf den
Beinen halten. Mittags sind wir dann aber endlich daheim. Francisco
ist urplötzlich gar nicht mehr müde, aber Andy legt sich
sofort ins Bett und ist bis zum Abend zu nichts mehr zu
gebrauchen.
Heidi kauft in der Apotheke schnell noch ein Milchflascherl und
eine Zahnbürste und macht dann für beide Kinder einen
Brei. Marco bekommt anschließend noch ein Flascherl und
schläft damit ein.
Am Nachmittag spielen Francisco und Marco wunderbar miteinander mit
Spielzeugautos und tollen im Bett herum. Francisco spricht mit
Marco fast nur Deutsch, obwohl wir momentan noch versuchen, mit
beiden Kindern spanisch zu sprechen. Marco macht das aber nicht
viel aus. Die beiden verstehen sich auch ohne Worte bestens.
Francisco sagt: "Der kleine Marco ist der süßeste von der
ganzen Welt".
Es ist hier so üblich, dass die Adoptiveltern das Kind sofort
von einem Arzt untersuchen lassen. Uns wird die Kinderärztin
des Heims empfohlen, da sie Marco schon von Anfang an kennt. Leider
bekommen wir erst um 17:30 Uhr einen Termin und müssen dann
auch noch 45min warten, bis wir drankommen. Andy geht's inzwischen
gottseidank schon wieder viel besser, aber Marco geht ja
normalerweise um 18:30 Uhr ins Bett. Er hält aber wirklich
tapfer durch!
Das Gespräch mit der Dra. Yábar während der
Untersuchung (50 Soles Gebühr) ist sehr interessant. Sie kennt
Marco ganz genau und kann uns noch viel mehr sagen, als wir im Heim
über ihn erfahren haben. Sie weiß z.B. auch, dass er
tatsächlich wg. seiner Weinkrämpfe nicht schon
früher zur Adoption freigegeben wurde. Die Madre wollte ihn
erst gesund bekommen. Das hat sie zwar auch gut geschafft (er hat
inzwischen kaum mehr solche Anfälle), aber wir denken, dass es
wahrscheinlich VIEL schneller gegangen wäre, wenn er gleich in
eine stabile und liebevolle Familienumgebung gekommen wäre. Er
ist - wie uns alle sagen - ein sehr sensibles Kind und hat bestimmt
darunter gelitten, keine eigene Familie zu haben. Aber wir
können natürlich nur vermuten und die Madre ist wirklich
sehr besorgt um "ihre" Kinder und tut alles für sie. Da sie
Italienerin ist, bekommt sie von dort viel Unterstützung
für die Heimkinder.
Obwohl es nun schon ziemlich spät ist, brauchen wir ja noch
irgendwas zum Abendessen und fahren mit dem Taxi (jede Fahrt
innerhalb der Stadt kostet übrigens 2 Soles, also ca. einen
halben Euro) in die "La Trattoria", wo jeder von uns genau das
bekommt, was er braucht. Ein Süppchen für Andy,
(milchfreie) Spaghetti für die Kinder und was "gscheits"
für die Heidi. Und auch ganz flott, da der Ober unser Problem
gleich erkennt. Francisco und Marco sind aber auch super brav und
essen ganz toll. Als wir da so zu viert sitzen, wird uns klar, dass
es jetzt also tatsächlich so weit ist, was wir uns die ganze
letzte Zeit vorgestellt haben: jetzt ist die Familie komplett.
Witzigerweise haben wir hiermit eine ganz neue Spiegl-Dynastie
gegründet. Da Andy ja keinen Bruder hat, werden diese Spiegls
in Zukunft komplett von Peruanern weitergeführt.
Um 21:15 Uhr sind wir dann endlich wieder daheim. Marco ist noch
erstaunlich fit und will noch mit Francisco spielen. Er hat
inzwischen unseren familieninternen Witz kapiert und sagt
freudestrahlend "tatu tatu" (Tatü tata), wenn ihm einer von
uns auf die Nase drückt. Überhaupt kopiert er schon jetzt
sehr viel von Francisco. Natürlich hauptsächlich den
Schmarrn

Ansonsten akzeptiert er alles Neue mit einer
Seelenruhe, aber er testet auch schon ziemlich pentrant unsere
Konsequenz aus. Bis jetzt gewinnen noch wir.
Er scheint auch sehr geduldig zu sein. Im Wartezimmer der
Kinderärztin spielt er zusammen mit Andy mit einer
Engelsgeduld mit einem Holzpuzzle. Francisco hätte es schon
längst in eine Ecke gelegt und sich was anderes gesucht.
Marco lässt sich heute auch ganz ohne Probleme von Heidi aus-
und anziehen und sogar wickeln. Beide Kids lassen sich ganz
problemlos ins Bett verfrachten und schlafen schnell ein. Marco
kuschelt sich zum Einschlafen ganz dicht an Heidi.
Noch mehr Bilder von heute:
http://familie.spiegl.de/fotos/2006-10-26.vierter.Tag.mit.Marco/