Mail von Kamran von Kleist an Andy Spiegl (23. September 2001): [..] Vor allem ist es schlimm, dass es übehaupt so weit kommen konnte. Wobei ich das ansatzweise erahnen kann. Beispielsweise die Palestinenser (auch wenn die mit dem Attentat nichts zu tun haben). Stell Dir mal einen 9-jährigen Jungen vor. 6 Jahre lang wird sein Dorf regelmäßig von den Israelis bombadiert (ohne dass ich jetzt für eine Seite Partei ergreifen möchte). Dass er einen Hass auf die bekommt ist ja klar. Dann wird ihm noch von überall eingetrichtert, dass eigentlich die USA hinter den Israelis stecken würden und die Hauptverantwortlichen seien. Gerade in dem Alter, also 15, muss der sich natürlich beweisen und posaunt seinen Hass auf die Amis raus. Soweit könnte das auch in Nordirland stattfinden, wenn auch harmloser. In Afganistan können die meisten nicht Lesen und Schreiben, es gibt weder Radio noch Fernsehen. So lernen die überhaupt keine andere Sicht der Dinge kennen. Dann gibt es leider überall einge wenige, die, warum auch immer, einen sozialen Dachschaden haben. (Wie die dumpen Neonazis bei uns). Kommen noch paar weitere Faktoren dazu, wie ein angeblicher religöser Auftrag, Aufhetzung durch die Umgebung und schon hat man einen potenziellen Kandidaten für so einen Anschlag. Hat ein Land weitere Nachrichtenquellen, wie etwa Palestina, so hilft das erstmal auch nicht viel. Denn wenn man sich etwas mit der Geschichte der Region befasst wird man schnell erfahren, dass die Amis dort Kriege angezettelt haben, Diktatoren zur Macht verholfen und unterstützt haben (Shah vom Iran, Hussein, Khomeini etc.) zum Teil wurden die Terroristen um Bin Laden auch noch vom CIA(!!!) ausgebildet (damit die besser gegen die Russen kämpfen konnten). Ausserdem muss man dort auch den Eindruck gewinnen, dass den Amis einige tausend Menschenleben nichts bedeuten. So hat der Unfall in der Chemiefabrik einer amerikanischen Firma in Bhobal 1984 nicht nur einige tausend Tote gekostet sondern 150.000 (hundertfünfzigtausend) verletzt. Und was ist passiert? Das kam ein paar Tage in den Nachrichten. Das war es auch schon. Es gab praktisch keine Entschädigungen! Das war zwar nur ein Unfall und kein Anschlag, aber es zeigt, wieviel Wertschätzung das reichste Land der Welt den Indern entgegenbringt. Diese ganzen Infos, die ja auch korrekt sind, werden nun mit Propaganda vermischt und zu einem haßerfüllten Brei gemixt. Und da wundern sich die Amis, dass sie in einigen Teilen der Welt so verhaßt sind! Und nun mach mal diesem 15-jährigen klar, dass das nur eine Regierung ist (oder sogar nur ein Teil eines Landes, das oft ohne Erlaubnis der Regierung handelt), dass die Menschen selbst dort nichts damit zu tun haben und vollkommen unschuldig sind (wenn man von deren Ignoranz und absichtlichen Nichtwissenwollen absieht). Dann erklär dem mal den Unterschied zwischen Krieg und Terrorismus (USA tötet Zivilisten == Kolleteralschaden im Krieg; Werden Amerikaner getötet, so ist das Terrorismus). Dass das Zünden von Bomben in Menschenmengen durch nichts zu rechtfertigen ist, sollte eigentlich jedem klar sein, auch wenn man sich selbst dafür opfert. Aber anscheinend ist dem nicht so. Mach mal diesem 15-jährigen auch noch klar, dass das Gefasele vom Heiligen Krieg totaler Quatsch ist, und vom Koran sogar verboten wird, wenn ihm andere nur von den Greueltaten der Kreuzzüge der Christen erzählen. Und das schlimmste ist, es versucht keiner ihm das klar zu machen! Das einzige was da helfen würde, wäre eine ordentliche Bildung. Und nicht nur dort, sondern auch in Nordirland, wo die eine Seite die Kinder der anderen auf dem Schulweg beschießt, ebenso in den USA und natürlich auch bei uns. Aber es ist viel einfacher die Armee zu mobilisieren (da kann man wenigstens die neusten Waffen testen), bzw. einen Polizeistaat zu propagieren, wie es in Deutschland gerade üblich ist. Und der erste Kommentar eines Politikers im CNN direkt nach dem Unglück war sinngemäß: "Das hat gezeigt, dass die Ziele der vorigen Regierung total falsch waren. Statt Bildung oder Sozialwesen hätte mehr für die amerikanische Sicherheit getan werden müssen." In den letzten Tagen ändert sich hier aber das Bild langsam. Nun gibt es immer mehr Stimmen, die die Medienberichterstattungen der ersten Tage kritisieren. Auf allen Sendern wurden ohne nachzudenken immer die gleichen Bilder gezeigt, ununterbrochen. Selbst offensichtlich gefälsche Berichte des CNN wurden kommentarlos gesendet. Inzwischen werden die richtiggestellt, wenn auch nur in den Talkrunden, die kaum jemand anschaut. Ich kann nur hoffen, dass der Angriff nun wenigstens der Bevölkerung Afghanistans zugute kommt, zumindestens denen, die überleben. Über eine Vernichtung der Taliban würden sich wohl so ziemlich alle freuen. Ausser die Amis lassen die dann doch wieder an der Macht, wie den Hussein, weil das denen besser in den Kram passt, warum auch immer. Ich hoffe mal nicht, dass es so weit kommt. Aber immerhin ist damit das Schutzschild-Programm der Amis hinfällig geworden. Damit wird die Stabilität zwischen den Großmächten wenigstens nicht weiter belastet und die ABM-Verträge bleiben weiter bestehen. Normalerweise versuche ich ja in allem etwas positives zu finden, aber bei so einem schlimmen Attentat fällt auch mir nichts weiter dazu ein. So dass musste ich mal loswerden. (Schöne Grüße auch an denjenigen der diese Mail mitlesen darf, weil ich so schön viele gefährliche Stichwörter verwendet habe! ;-) Kamran.